Gedanken zum Verhalten des English Springer Spaniel im Hinblick auf die zu erwartende "Verhaltensüberprüfung" während der ZTB


Gutes und schlechtes Wesen - gutes und schlechtes Verhalten, ist das so einfach (zu beurteilen)?

Gut und schlecht heißt den Hund moralisch zu beurteilen. Bei aller Liebe, Moral ist im Zusammenhang mit dem Hund ein vollkommen falscher Begriff. Man kann Hunde nicht nach menschlichen Moralbegriffen beurteilen. Kein Hund ist vom Wesen her gut oder schlecht und kein Verhalten ist gut oder schlecht.

Bei Verhalten fällt mir darum nur erwünschtes Verhalten und unerwünschtes Verhalten ein!

Gewünschtes Verhalten ist das Verhalten, das der Besitzer als "gut" bezeichnet.

Unerwünschtes Verhalten = schlechtes Verhalten.

Doch was ist erwünschtes Verhalten? Es ist das Verhalten, das der Besitzer wünscht Ð und jeder Besitzer definiert das vermutliches etwas anders.

Ein Beispiel dazu: Es klingelt an der Tür, der Hund bellt.

Erwünscht oder unerwünscht?

Es ist Hundeverhalten (ausgelöst durch das Verhalten des Besitzers), dass der Hund zur Tür rennt und bellt. Wenn man das nicht will, muss man den Hund so erziehen, dass er nicht bellt, also ein Alternativverhalten aufbauen. Es ist kein schlechtes Verhalten. Es ist unerwünschtes Verhalten. Ein Anderer möchte, dass sein Hund bellt wenn es klingelt, für ihn ist dieses Verhalten dann erwünschtes Verhalten. Der Hund verhält sich in beiden Fällen gleich, einmal unerwünscht und einmal erwünscht.

Ein anderes Verhalten, das z. B. ESS zeigen ist folgendes:

Der ESS geht einen ihm bekannten Weg. Nun steht auf diesem ihm bekannten Weg auf einmal ein in Plastik verpackter Heuballen. Der ESS zeigt ein Meideverhalten (oder sind Beschwichtigungssignale?), das dann so aussieht: Er geht nicht direkt auf das Teil zu, er geht sogar rückwärts, streckt den Hals vor, zieht eine Pfote hoch, schlägt einen Bogen um an diesem Teil vorbei zukommen. Er wird sich freiwillig nicht diesem Teil nähern, man muss ihn davon überzeugen, dass das kein Ungeheuer ist, sondern nur ein Ballen Heu. Das nächste Mal, wenn er daran vorbei kommt, wird er es vielleicht noch schief angucken, aber vorbei gehen. Das ist typisches ESS-Wesen und wird in diesem Verhalten ausgedrückt. Kann man den ESS jetzt als ängstlich bezeichnen? Werden bestimmt viele, die dieses Verhalten nicht kennen tun, aber für mich, der ich die Rasse kenne, ist es absolut typisch für den ESS. Man kann es nicht als erwünschtes oder unerwünschtes Verhalten bezeichnen. Es ist eben typisch ESS!

Erwünschtes oder unerwünschtes Verhalten?

Ein ESS ist ein Buschierhund, der in Deutschland zum Stöberhund umfunktioniert wurde. Als Rassewesen kann man also bezeichnen, wenn ein Hund ein gutes Stöberverhalten an den Tag legt. Zu einem guten Stöberverhalten kommt man nur dann, wenn man den Hund entsprechend ausbildet und von Jugend an die Stöberanlage fördert. Später wird er dann das erwünschte Stöbern zeigen.

Für mich und alle ESS-Besitzer, die mit Jagen nichts im Sinn haben, ist Stöbern ein unerwünschtes Verhalten und muss vom Welpenalter an unterbunden werden. Dann wird der ESS auch wenn er etwas älter ist nicht Stöbern gehen.

Also auch hier: Stöbern kann nicht gutes und schlechtes Verhalten gleichzeitig sein. Für den Jäger erwünschtes Verhalten, für den Privatmann unerwünschtes Verhalten. Es ist auch kein angeborenes Verhalten (Wesen), es ist ein Verhalten, das man durch Erziehung fördern oder unterbinden kann. Die Wesenskonfiguration, mit der der ESS geboren wird, lässt das zu.

Jeder Hundebesitzer sollte wissen, was er von seinem Hund erwartet (erwarten kann)- und ihn entsprechend erziehen. Hier sind natürlich schon die Züchter in der Pflicht, ihre Hunde entsprechend dem voraussichtlichen Verwendungszweck zu prägen. Das kann aber m. E. nur dort erfolgen, wo die Zucht Hobby bleibt und nicht mehrere Würfe gleichzeitig in einem Zwinger liegen bzw. mehrere Rassen gleichzeitig gezüchtet werden. Es ist schon zeitaufwendig genug einen Wurf mit 6-8 Welpen aufzuziehen und vollkommen unmöglich mehreren Würfen gleichzeitig mit Welpen in unterschiedlichem Alter und Bedürfnissen gerecht zu werden. Ich denke, hier sollten die Zuchtvereine sich Gedanken machen.

Ein Hund wird immer das Verhalten zeigen, das für ihn (den Hund) den größtmöglichen Vorteil bringt (das hat er mit den meisten Menschen gemein). Er tut nichts um seinen Menschen zu "ärgern" (menschlicher Moralbegriff), aber er tut aber auch nichts dem Menschen zuliebe. Er tut es, weil es sein "überleben" fordert.

Kein Hund wird "gut" oder "schlecht" geboren. Er hat ein angeborenes Verhaltensinventar, das der Besitzer entsprechend seiner Bedürfnisse (Jagd, Freizeit) abrufen und trainieren muss.

Verhalten ist immer subjektiv zu bewerten, es kann nicht objektiv bewertet werden. "Angeborenes Wesen" kann in keiner Zeit beurteilt werden, da es immer durch die Erziehung und den Umweltbedingungen angepasst wird.

Verhalten ist anerzogen!

Warum sollte jetzt dieses anerzogene Verhalten getestet werden? Ich weiß es nicht!

Es muss jedem Züchter zugestanden werden seine Zuchthunde interieursmäßig dahin gehend zu beurteilen, ob er von diesen Hunden guten Gewissens Nachzucht haben will.

Denn zum "Wesen" einer Zuchthündin gehört vor allen anderen Dingen, das Verhalten bei der Aufzucht eines Wurfes. Das fängt beim Deckakt an, geht über die Geburt, Säugeperiode und Verhalten den Welpen gegenüber während der ersten 7 Wochen. Wenn man hier Kompromisse eingeht, werden die Welpen einen sehr schlechten Start für ihr weiteres Leben haben. Was den Rüden betrifft: Ich bin bestimmt nicht gegen künstliche Besamung, aber die sollte die Ausnahme bleiben (z. B. um neues Blut von weit her in die Zucht zu bringen). Ein Rüde sollte den Deckakt ausführen können, ohne große menschliche Hilfe. Instinktausfälle im Bereich der Fortpflanzung dürfen nicht toleriert werden. Das alles kann nicht durch einen, wie auch immer gearteten Test überprüft werden. Hier muss der Züchter die Entscheidung treffen.

Jetzt noch ein Wort zu denen, die diesen Verhaltenstest abnehmen sollen:

Wer auch immer es sein wird - welche Qualifikationen haben diese Personen?

Ich habe jetzt seit 1975 ununterbrochen immer mehrere Spaniels in meinem Haushalt. Aber ich lerne über das "Wesen" und über das "Verhalten" der Spaniels jeden Tag noch Neues hinzu. Ich würde nie über ein Hunde-Verhalten "richten" dessen Hintergründe ich nicht kenne. Je mehr Erfahrung ich habe, je mehr ich über Wesen und Verhalten und Aufzucht lese (es gibt da genügend Bücher auf dem Markt), je mehr Hundekurse ich besuche, umso weniger fühle ich mich in der Lage einen Hund verhaltensmäßig zu "richten".

Und deshalb bin ich gegen jeden, wie auch immer gearteten Verhaltenstest.

Renate Schleicher
Dezember 2008